Dekonstruktion - Zerstörung oder Rettung des Glaubens?


Cedric Grossmann
Ehem. Referent für VICTORIOUS


Benjamin Carstens
Referent für Südamerika und Pakistan

 

In christlichen Kreisen hat sich in den letzten Jahren der Begriff „Dekonstruktion“ durchgesetzt, um Prozesse zu bezeichnen, bei denen Christen ihren Glauben hinterfragen und sich von bestimmten Glaubensüberzeugungen trennen. Cedric Grossmann und Benjamin Carsten haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt.


Ich bin zu früh zu einem Termin erschienen. In der Wartezeit bin ich in den sozialen Medien unterwegs und stolpere beim Durchforsten verschiedener Apps über einen Beitrag, der sich kritisch mit Prägungen und Glaubensgrundsätzen evangelikaler Christen auseinandersetzt. In diesem Text lese ich öfters ein Wort, mit dem ich bis jetzt nichts anfangen konnte: Dekonstruktion.
Bei meiner Recherche über „Dekonstruktion“ finde ich weitere Beiträge und erfahre zum Beispiel, dass John Cooper, der Sänger der christlichen Rockband Skillet, zu einem „Krieg gegen Dekonstruktion“ aufrief. Mehrere christliche Freunde und Bekannten erzählen mir jedoch, dass Dekonstruktion ihren Glauben gerettet habe. Ist Dekonstruktion jetzt gut oder schlecht? Und reden die unterschiedlichen Parteien von der gleichen Sache?
In diesem Artikel soll es um den Prozess gehen, in dem der eigene Glauben kritisch hinterfragt, ja teilweise richtig systematisch auseinandergenommen wird. Dieses Reflektieren über den Glauben kann ein sehr aufwühlender und schwieriger Prozess sein, der einen emotional an die eigenen Grenzen bringen kann. Wenn man plötzlich Dinge anzweifelt, die man bisher nie angezweifelt hat, ist das nicht angenehm.

 

 

Dekonstruktion kann Glauben stärken aber auch zerstören

Oft beginnt Dekonstruktion mit der Beobachtung: „Da passt aber etwas nicht zusammen.“ So war es zum Beispiel bei Martin Luther, der selbst eine Art Dekonstruktion erlebte. Bei ihm war der Auslöser die kirchliche Praxis des Ablasshandels und die Lehre der Kirche zur Frage, wie ein Mensch vor Gott gerecht wird. Beides konnte er nicht mit dem zusammenbringen, was er in der Bibel las. Am Ende seines Dekonstruktionsprozess stand für ihn fest, dass seine Kirche sich in wesentlichen Punkten weit von Gottes Wort entfernt hatte. Wie die Geschichte weiterging, ist bekannt.
Ein moderneres Beispiel für einen Dekonstruktionsprozess ist der Musiker Arne Kopfermann. 2014 verursachte er einen schweren Autounfall, bei dem seine zehnjährige Tochter starb. Dieses Erlebnis stürzte ihn in eine Lebenskrise und zeitgleich in eine Glaubenskrise, die auch ein Dekonstruktionsprozess war, in dem er viel mit Gott rang und gleichzeitig über seinen Glauben nachdachte. Er entschied sich, die Gemeinde zu wechseln und sich von der charismatischen Bewegung zu verabschieden. Sein Glaube veränderte sich, wurde aber nicht zerstört, denn „am Ende des Ringens kann Gott größer und gewaltiger dastehen als vorher“, wie Arne Kopfermann dazu anmerkt.

Doch gibt es auch genügend Beispiele für eine Dekonstruktion, die ganz anders endet:
Joshua Harris hatte als junger Mann den Bestseller „Ungeküsst und doch kein Frosch“ geschrieben. Er war Pastor einer Megachurch, als er begann, seine Überzeugungen immer mehr zu hinterfragen. Er entschuldigte sich für einige Aussagen seiner Bücher, hörte aber nicht auf zu dekonstruieren. Er kündigte seinen Job als Pastor, ließ sich von seiner Frau scheiden und schockierte 2019 die christliche Welt mit der der Aussage, dass er kein Christ mehr sei. Nach der Dekonstruktion war von seinem Glauben nichts mehr übriggeblieben, was viele Menschen verwirrt und verunsichert zurückließ.

Dekonstruktion kann also sowohl dazu führen, dass Menschen ihren Glauben komplett verlieren oder wichtige Überzeugungen aufgeben als auch dazu führen, dass biblische Wahrheiten neu entdeckt werden und der Glaube widerstandsfähiger wird.


Hintergrundinformation
Der Philosoph Jacques Derrida (1930-2004) etablierte in den 1960er Jahren den Begriff „Dekonstruktion“ für eine von der Postmoderne geprägte Philosophie. Zunächst fand Dekonstruktion vor allem als Analyse-Methode für Texte Anwendung. In christlichen Kreisen hat sich in den letzten Jahren der Begriff „Dekonstruktion“ aber unabhängig von Derridas Theorie durchgesetzt, um Prozesse zu bezeichnen, bei denen Christen ihren Glauben hinterfragen und sich von bestimmten Glaubensüberzeugungen trennen.

 

 

Drei Hilfen für Gemeinden

Aus diesem Grund ist es sinnvoll, unvoreingenommen an dieses Phänomen heranzugehen und zu schauen: Was können Gemeinden tun, die sich Sorgen machen, weil junge Menschen ihren Glauben immer mehr hinterfragen und dekonstruieren? Und welche Ratschläge gibt es für Christen, die in einem Dekonstruktionsprozess stecken?

1. Nicht mit Verboten dagegen ankämpfen

Viele Dekonstruktionsprozesse beginnen als gutgemeinte Kritik an der Gemeinde und am evangelikalen Mainstream – nicht als Kritik am Christentum oder am Evangelium an sich. Die Reaktion der Ortsgemeinde auf diese anfängliche Kritik hat großen Einfluss darauf, wie sich so ein Prozess entwickelt. Wenn Menschen einmal angefangen haben, zu hinterfragen und anzuzweifeln, löst das verständlicherweise Ängste aus. Die erste Reaktion ist oft, diesen Prozess so direkt wie möglich stoppen zu wollen, damit die Person ihren Glauben nicht verliert. Doch Frage- und Denkverbote in bestimmte Richtungen halten keine Dekonstruktion auf, sie bewirken vielmehr das Gegenteil und beschleunigen sie.

Es gibt kaum eine stärkere Methode, Dekonstruktionsprozesse zu beschleunigen, als den Versuch anderer Christen, diese Prozesse mit aller Macht aufzuhalten.

2. Eine Gemeindekultur schaffen, die Zweifel zulässt

Zweifel ziehen sich durch die gesamte Bibel. Sie spielen in vielen Psalmen eine Rolle (wie Ps 13, Ps 73), bei Jeremia (Jer 32) ebenso wie bei einigen Jüngern von Jesus (Mt 28,16-17). Wir sollten Zweifel nicht verherrlichen, wie das manche heute tun – auch die Bibel warnt davor, sich in Zweifeln zu verlieren (Jak 1,6ff.). Aber bei einem gesunden Glauben, der erwachsen wird, sind Zweifel eine normale Erscheinung. Und wenn David in der Bibel mit Gott ringt und ihn fragt „Warum hast du mich verstoßen?“ (Ps 43,2), wäre es gut, wenn auch in unseren Gemeinden so gebetet werden könnte.

Wie hilfreich es sein kann, eine Kultur zu haben, die Zweifel nicht verdammt, habe ich vor einigen Monaten gesehen. Ich führte ein Bewerbungsgespräch mit einer jungen Frau, die sich für einen Missionseinsatz beworben hatte. Sie schilderte mir, dass sie nach schwierigen Gemeindeerfahrungen dabei sei, ihren Glauben zu dekonstruieren und zu rekonstruieren. Bei vielem, an das sie früher fest glaubte, war sie sich jetzt unsicher und hatte Zweifel. Als sie merkte, dass ich nicht schockiert war, sondern nur Rückfragen stellte, um sie besser zu verstehen, war sie positiv überrascht. In der darauffolgenden Woche erzählte sie mir, dass sie ein paar Tage nach dem Vorstellungsgespräch zum ersten Mal seit über einem Jahr wieder einen normalen Sonntagsgottesdienst besucht habe und auf der Suche nach einer Gemeinde sei, die ihre neue geistliche Heimat werden könne. Ihr hatte es gutgetan, dass sie sich in unserem Gespräch ernstgenommen fühlte.

3. Zuhören und Erlebtes teilen

Wie können Menschen in der Gemeinde helfen, dass Dekonstruktionsprozesse nicht den Glauben zerstören? Manchmal können Argumente helfen, doch meistens ist etwas anderes am hilfreichsten: Zuhören und Erlebtes teilen. Echtes Zuhören, das das Gegenüber ernstnimmt und verstehen will. Und dann Erlebtes teilen: Erzählen, wie ich in meinem Glaubensleben mit ähnlichen Zweifeln umgegangen bin. Berichten, wie ich erfahren habe, dass man Jesus auch in schweren Zeiten vertrauen kann oder wie sich für mich im Alltag bestätigt hat, dass die Bibel Gottes Wort ist.

 

 

Und wenn ich mich selbst in einer Dekonstruktion befinde?

Manchmal hören sich Berichte so an, als sei ein Dekonstruktionsprozess etwas, das über einen kommt wie eine Welle, die einen irgendwohin trägt, und bei der man keinen Einfluss darauf hat, wo man landet. Viele Menschen, die dabei sind, ihren Glauben zu dekonstruieren, fühlen sich, als ob ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Aber kann man auch Dekonstruktion steuern.

1. Christozentrische Dekonstruktion

Kann es eine christozentrische Dekonstruktion geben, also eine Dekonstruktion, bei der Jesus im Mittelpunkt steht? Wir glauben: ja. Auch Jesus hat dekonstruiert. Zum Beispiel in der Bergpredigt, in der er übliche Glaubenssätze der Menschen damals in Frage stellte: „Ihr habt gehört, dass … Ich aber sage euch …“ Für eine christozentrische Dekonstruktion ist es hilfreich, wenn man sich im Prozess zwei Fragen stellt:

  • Was würde Jesus dekonstruieren? Und was würde er nicht dekonstruieren?
  • Werde ich durch meine Dekonstruktion Jesus ähnlicher? Werde ich zum Beispiel großzügiger, hoffnungsvoller, missionarischer, mitfühlender und barmherziger? Oder bin ich dabei, hoffnungslos und zynisch zu werden?

Die Grundlage hierfür ist eine Entscheidung, die ich bewusst treffen kann: Will ich Jesus im Zentrum meiner Dekonstruktion haben? Die Bibel kennt Zweifel, besonders in Krisenzeiten – doch die Antwort kommt mit einem Wort: „Dennoch“ – „Dennoch bleibe ich stets an dir …“ (Ps 73,23). Wer den ganzen Psalm liest, sieht, dass Asaf für diesen Entschluss seine Zweifel nicht wegwischen muss. Er entscheidet sich ja gerade dennoch dafür, an Gott festzuhalten.
Der Neuaufbau des Glaubens nach einer Dekonstruktion, die zweite Phase sozusagen, wird auch Rekonstruktion genannt. Auch hier kann ich mich bewusst entscheiden: Woran orientiere ich mich bei der Rekonstruktion? Zuerst an Jesus und der Bibel? Oder zuerst an meiner Umgebung, am Zeitgeist, an meinem Umfeld?
Der Autor Philip Yancey schreibt in seiner Autobiographie, wie er nach einer sehr religiös geprägten Kindheit und Jugend voller Härte und Gesetzlichkeit in einer Dekonstruktion war und es gerade die Bibel war, die ihm bei der Rekonstruktion half: viele Psalmen, in denen er sich mit seinen Gefühlen und Fragen wiederfand, vor allem aber die Evangelien, die ihm zeigten, wie Jesus wirklich ist – anders als der Jesus seiner Kindheit.

2. Mit Unklarheiten leben lernen

Wenn man in einem Dekonstruktionsprozess feststellt, dass man die Antwort nicht mehr glauben kann, die man in der Gemeinde gehört hat, wie beispielsweise eine bestimmte Bibelstelle zu verstehen sei, was macht man dann? Gerade wenn man so aufgewachsen ist, dass ein „guter Christ“ auf jede erdenkliche Frage einen Bibelvers als Antwort weiß, kann das dazu führen, dass man zu denken beginnt: „Dann stimmt wohl das Gegenteil“. Aber mit offenen Fragen zu leben ist nicht unbedingt ein Zeichen von Inkonsequenz – es kann auch ein Zeichen von Demut sein. Gott ist unendlich groß und die menschliche Erkenntnis Gottes ist immer lückenhaft und begrenzt. Martin Luther sagte, dass er vor manchen Bibelstellen den Hut ziehe. Damit meinte er, dass er sie zwar nicht versteht, sie aber trotzdem zu Gottes Wort gehören. Er wollte ihnen nicht mit Hochmut („dann muss das falsch sein“), sondern mit Demut („Das verstehe ich noch nicht“) begegnen. Ich kann vieles nicht verstehen und trotzdem vertrauensvoll glauben.

3. Auch die eigenen Zweifel anzweifeln

Wenn man sich in einer Phase befindet, in der man vieles anzweifelt, ist es konsequent, auch die eigenen Zweifel infrage zu stellen. Am Anfang einer Dekonstruktion neigt man dazu, immer mehr Argumente gegen die Sache zu finden, an der man zweifelt – doch Argumente gegen persönliche Zweifel werden außer Acht gelassen. Dieser Umgang mit der eigenen Skepsis kann den Glauben nicht nur beschädigen, sondern ist auch inkonsequent. Wenn zweifeln, dann richtig – auch die Zweifel gehören angezweifelt.

Bevor ich zur Biblisch-Theologischen Akademie kam, hatte ich Zweifel, ob ich gut genug sei für das Studium an der BTA. Doch auf der Pfijuko 2016 forderte Christian Mungai in seiner Botschaft: „Zweifel an deinen Zweifeln!“ Dieser Satz brannte sich in mir ein und ich fand den Mut, mich anzumelden und bis zum Ende dabei zu bleiben. Meine Zweifel waren unbegründet gewesen.

4. Das eigene Herz beschützen

Ich bin dafür verantwortlich, welchen Dingen ich mich wie lange aussetze. Wenn ich ein Buch nach dem anderen über Machtmissbrauch in Gemeinden lese und eine Autobiografie nach der anderen verschlinge, in denen der Glaube bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert wird – dann muss ich mich nicht wundern, wenn ich selbst unsicherer werde und es mich mehr und mehr in diese Richtung zieht.
Für mich persönlich weiß ich, dass ich keine Angst habe, mich mit schwierigen Themen zu beschäftigen – doch das ist ein Balanceakt und ich achte darauf, auch genug ermutigende Berichte und Bücher zu lesen, die mir zum Beispiel Lust auf Gemeinde machen und durch die ich neu von Gott und seinem Wirken begeistert werde.

5. Kinder als Vorbild

Ganz bewusst stellt Jesus mehrmals Kinder als Vorbild in den Mittelpunkt, wenn es ums Reich Gottes geht (Mt 18,3; 19,14). Wer Kinder hat, weiß, dass Kinder fragen, fragen und immer weiter fragen, wenn sie etwas wissen wollen. Mit wenig glaubhaften Antworten lassen sie sich nicht abspeisen. Das erinnert durchaus an Dekonstruktionsprozesse, in denen man auch immer weiter fragt. Aber Kinder haben uns Erwachsenen eine Fähigkeit voraus: nahezu grenzenlos zu vertrauen. Nicht ohne Grund reden wir von „kindlichem Vertrauen“. Das kindliche Urvertrauen heißt, dass das Kind so stark vertraut, dass es dieses Vertrauen gezielt gegen eigentlich bedrohliche Erfahrungen einsetzt: „Ich bin behütet, selbst dann, wenn alles dagegen zu sprechen scheint.“ Das wünsche ich mir auch für meinen Glauben. Wenn ich merke, dass mich Fragen nicht loslassen und es um mich herum stürmt, darf ich weiterfragen und kann mich doch, auch mit Fragen, die offen bleiben, in die Arme meines liebenden himmlischen Vaters flüchten – und sei es mit einem „Dennoch“ auf den Lippen.

 


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