Serie: Israel und der 7. Oktober

Teil 3: Als der Krieg um uns herum ausbrach

BENJAMIN THULL
Leiter Referat kite

Seinen ersten Bachelor hat Benjamin in Politikwissenschaft absolviert. Seitdem interessiert er sich sehr für den Israel-Palästina-Konflikt. Viermal war er vor Ort, das letzte Mal vom 2.-12. Oktober 2023.

 

Als am 7. Oktober Israel die schlimmste Katastrophe seit der Shoa erlebte, war ich nicht irgendwo, sondern mitten in Jerusalem. Die Tage vor Ort werde ich nicht mehr vergessen: Raketenalarme, Schutzkeller, die schrecklichen Bilder vom abscheulichen terroristischen Angriff der Hamas, ein Land in Schockstarre. Tagtäglich erkundigten wir uns beim Verkäufer unserer Lieblings-Saftbar nach dem Wohlbefinden von ihm und seiner Familie. Dabei spürten wir das Gewicht der Fragen in diesen Tagen. Denn nahezu jeder jüdische Israeli hatte Freunde, Bekannte oder Verwandte, die entweder verletzt, getötet oder im Kampf waren. Das Leid der jüdischen Bevölkerung bewegt mich zutiefst.

Nicht weniger eindrücklich waren unsere Begegnungen mit Palästinensern in Ost-Jerusalem. Zum Beispiel mit dem aus Gaza stammenden Ibrahim, dem besten Barista der Stadt, den wir mehrfach in seinem Café besuchten.

An einem Tag waren seine Augen noch trauriger als sonst. Er hatte vor einer Stunde die Nachricht bekommen, dass das Haus seiner Eltern, seiner Frau und seiner Kinder im Gazastreifen zerbombt worden war und seine Liebsten verzweifelt auf der Suche nach einem Unterschlupf waren.

Viel Zeit verbrachten wir auch mit Abu, einem Palästinenser aus Jerusalem, der bereits seit vielen Jahren politische Touren anbietet. Er zeigte uns die Auswüchse des illegalen Siedlungsbaus in Jerusalem, welcher der dort lebenden palästinensischen Bevölkerung immer mehr Wohnraum wegnimmt, und besuchte mit uns sogar ein Flüchtlingslager in Betlehem. Das Leid der palästinensischen Bevölkerung bewegt mich zutiefst.

Audiatur et altera pars“, so lautet ein Grundsatz, den ich im Studium gelernt habe: „Auch die Gegenseite muss gehört werden“. Das habe ich seit meiner ersten Israel-Reise zu beherzigen versucht: Ich habe mir von Juden wie Palästinensern ihre Perspektive auf den Konflikt erklären lassen und war zum Beispiel an einem Tag erst im Zionisten-Museum in Jerusalem und direkt im Anschluss im Arafat-Mausoleum in Ramallah. Dadurch wurde mir die unfassbar komplexe Gemengelage deutlich: Auf beiden Seiten ist unsägliches Leid geschehen und eine friedliche Ko-Existenz scheint aktuell unmöglich, gerade wenn jede Form der Annäherung durch extremistische Gruppen auf beiden Seiten, zuvorderst der Hamas, unmöglich gemacht wird.

Doch gerade die jüdischen und palästinensischen Menschen vor Ort, die ich kennenlernen durfte, spornen mich an, die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufzugeben.

 

Darum will ich mit drei spannungsvollen Thesen enden:

  • „Nie wieder ist jetzt!“ Der aktuell in Deutschland sichtbar werdende Antisemitismus ist erschütternd. Es ist Zeit, dass wir als Christen dagegen aufstehen!
  • Ich kann den Staat Israel uneingeschränkt befürworten und darf gleichzeitig manches Unrecht gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung kritisieren.
  • Eine wirkliche Lösung des Konflikts wird es erst geben, wenn Gruppen wie der Hamas das Handwerk gelegt ist und die Bedürfnisse der palästinensischen Zivilbevölkerung ernster genommen werden.

 

 

Artikel erschienen in Offene Türen 01-2024 (Ausgabe lesen | Kostenlos abonnieren)


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