Gefühle sind ein wesentlicher Ausdruck unseres Seins. Wir kennen positive und negative Emotionen, die in unserem Alltag eine große Rolle spielen. Wie steht es denn eigentlich mit unseren Gefühlen und dem Wunsch, Gott zu begegnen? Uli Neuenhausen setzt sich damit auseinander.
Die promovierte Sonderpädagogin Miriam Stiehler schreibt in CICERO kritisch über die neue Welle in der Pädagogik, Gefühle von Menschen nicht in Frage zu stellen. Kindern dürfe man nichts zumuten, wozu sie keine Lust hätten. Ihre Gefühle dürften nicht kommentiert oder gelenkt werden. Was sie fühlten, sei die Wahrheit. Dr. Stiehlers Artikel steht unter der Überschrift: „Meine Gefühle sagen die Wahrheit!“ – „Ja, aber nur über dich!“ [1]
Was bedeuten meine Gefühle in Bezug auf die Begegnung mit Gott? Kein Zweifel, Begegnungen mit Gott lösen Gefühle aus: Freude, Ekstase, Furcht, Erschütterung, Buße, Demut und sicher noch manches mehr. Wie aber ist es umgekehrt: Ist jedes Gefühl eine Wahrheit, wie nah oder fern mir Gott ist? Erlebe ich nur dann Gottesbegegnung, wenn ich bestimmte Dinge fühle?
Der Jahreswechsel 2025/26 war für mich ein Wechselbad der Gefühle. Wir haben als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Forum Wiedenest viel miteinander gebetet, dass Gott uns hilft, am Ende des Jahres so viele Einnahmen wie Ausgaben zu haben. Gott hat anders entschieden – und ich war frustriert. Wir müssen dieses Jahr ein engeres Budget stricken, Gehaltsanpassungen aufschieben, Investitionen zurückstellen und hoffen, dass unsere Liquidität stabil ist. Das fühlt sich nicht gut an. Ich hatte eine emotionale Krise (die Gott gnädigerweise kurz hielt): Habe ich was falsch gemacht? Bin ich noch der geeignete Leiter für Forum Wiedenest?
Eigentlich reichte ja ein Blick auf das abgelaufene Jahr 2025, um festzustellen, dass Gott bei ganz vielen Veranstaltungen und Angeboten gesegnet und Menschen mit seinem Wort erreicht hat. Die Arbeit hat sich gelohnt!
Doch eine Krise dreht alle Gefühle auf den Kopf. So ähnlich ging es auch einem berühmten Mann Gottes im alten Israel.
Der Höhenflug
In 1 Könige 18 wird von einem Propheten in einer schweren emotionalen Krise berichtet. Elia hat das Mega-Event seines Lebens nicht nur erlebt, er hat es herbeigeführt. Der finale Showdown in der Auseinandersetzung mit den heidnischen Baals-Priestern endet in einem unfassbaren Wunder: Feuer fällt vom Himmel und verbrennt ein Opfertier, das vorher reichlich mit Wasser übergossen wurde. Die Baals-Priester scheitern krachend und werden anschließend getötet. Die Königin Isebel, die den Baals-Kult als missionarisches Projekt in Israel massiv und mit Druck und Mord vorangetrieben hatte, ist blamiert. Für Elia ist klar: Gott hat den Baals-Kult besiegt, als nächstes ist die Königin dran – und dann wird endlich wieder Israel auf den Spuren seines Gottes Jahwe sein und dem Segen Gottes steht nichts mehr im Weg. Schließlich setzt durch ein Gebet von Elia sogar wieder Regen ein, und das nach dreieinhalb Jahren Dürre.
Das alles klingt überhaupt nicht nach Depression, sondern nach einem Propheten im Hochleistungsmodus, nach Adrenalin und Power-Encounter, nach geistlichen Höhenflügen in Serie.
Der Absturz
Doch dann stürzt Elia jäh aus dem Höhenflug ab (1 Könige 19): Nach einer Morddrohung der Königin Isebel höchstpersönlich verzweifelt er und flieht. Vielleicht war er so sehr überzeugt davon, dass Gott nun auch Isebel beseitigen würde, dass ihn diese Drohung kalt erwischt hat. Er kann es nicht fassen, dass der krönende Abschluss seiner Mission, die Hinrichtung der Frau, die all das Elend über Israel gebracht hatte, ausbleibt.
Wie in einem actionreichen Krimi, bei dem zwar einige Gangster verhaftet werden, aber der eigentliche Drahtzieher und Bösewicht entkommt und weiter sein Unwesen treibt.
Elias Gefühle fahren Achterbahn. Den Gott, den er zu kennen meint, versteht er nun nicht mehr. Er fühlt sich verlassen, einsam und wirkungslos: „Dann setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte den Tod herbei. »HERR, ich kann nicht mehr«, sagte er. »Lass mich sterben! Ich bin nicht besser als meine Vorfahren.« (Vers 4)
Elia setz seine Gefühle gleich mit der Realität – und stürzt ab: „Ich habe geeifert für den Herrn, den Gott Zebaoth; denn die Israeliten haben deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übriggeblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.“ (V. 10)
Seine Gefühle sagen: „Ich bin allein, ich bin gescheitert, mein Leben und meine Arbeit haben nicht ihr Ziel erreicht und waren sinnlos, mit dem Glauben an Jahwe ist es so gut wie vorbei, wenn ich tot bin, kennt niemand mehr meinen Gott."
So geht es vielleicht auch Menschen, die sich nach intensiver Arbeit und großen Opfern für die Gemeinde oder Familie oder Firma allein fühlen, im Stich gelassen und ausgenutzt. Dann schmeißen sie die Brocken hin, verlieren jede Motivation und kehren der Gemeinde, der Familie oder der Firma den Rücken. Die Emotionen sagen: „Ich habe mich ausgepowert, habe alles gegeben, aber doch nicht das Ziel erreicht. Keiner hilft mir, keiner versteht mich und keiner hört mir wirklich zu.“ Die Person ist verletzt, beleidigt, enttäuscht und zieht sich zurück. Die Einsamkeit im Rückzug verstärkt diese Gefühle noch mehr.
Gott kümmert sich
„Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.“ (V. 5+6)
Das Erste, was Elia braucht, ist das Wahrnehmen seiner Grundbedürfnisse: Hunger, Durst, Schlaf. „Meine Gefühle sagen die Wahrheit - über mich“ – dass ich einen ungesunden Rhythmus leben, mich schlecht ernähre, mir für Essen und Trinken zu wenig Ruhe und Zeit nehme, zu wenig schlafe. Vielleicht kommt der Schlaf zu kurz, weil ich zu viel arbeite, alles kontrollieren will, verzweifelt irgendwelche Ziele erreichen muss. Vielleicht verdaddel ich auch meine Zeit mit sinnfreien Spielen und Filmen, vielleicht quält mich eine Schuld, die ich einfach nicht klären will. Das Erste, was ich brauche, ist ein gesunder Rhythmus: Essen, Schlaf, ruhige Zeiten, Bewegung. Meine Gefühle hängen viel enger mit meinem Körper zusammen, als ich es mir eingestehe. Gott kümmert sich um Elia und gibt ihm, was er sich selber nicht gestattet hat.
Elia läuft dann einen langen Weg zum Berg Horeb, auf Einladung Gottes. Als er dort ist, begegnet ihm Gott – nicht in Ekstase, nicht mit Feuer und Blitz, nicht mit Posaunen-Musik und als Mega-Event, nicht mit mehrstündigen Bibelarbeiten und intellektuellen Erörterungen. Gott begegnet ihm lediglich mit einer Frage: „Was machst du hier, Elia?“ (V. 9)
Die Frage Gottes
Wenn Menschen nicht mehr in die Gemeinde gehen, weil sie sich geärgert haben, sich übersehen, nicht wertgeschätzt, abgelehnt, missverstanden fühlen, und jetzt zu Hause auf dem Sofa hocken und im Selbstmitleid versinken, dann beginnt ihre Gottesbegegnung möglicherweise mit dieser Frage Gottes: „Was machst du hier?“
Oder wenn Menschen sich alles gönnen, sich jeden Wunsch erfüllen, jedes Bedürfnis sofort befriedigen und ihr Bauchgefühl zu ihrem Gott machen. Wenn sie die Grenzen Gottes ignorieren, beim One-Night-Stand, beim Porno-Konsum, im Kaufrausch, als Workoholic, mit Alkohol, Drogen. Wenn sie trotz Binge-Watching, Körperoptimierung, Sport- oder Spielsucht unglücklich sind. Wenn sie emotionale Aufheller brauchen und immer tiefer in schlechte Gewohnheiten und Sucht rutschen, dann gilt auch ihnen die Frage: „Was machst du hier?“
Unsere Gefühle können nur wiedergeben, was wir als Realität empfinden. Sie sind nicht die Wirklichkeit um uns herum. Oft spiegeln sie nur wider, wie wir gerade mit uns selbst umgehen, was wir unserem Körper zumuten, womit wir unsere Seele belasten und mit welchem Müll wir sie füttern, welche falschen Entscheidungen und Überzeugungen wir zulassen.
Klare Ansage
Gott wartet nicht auf die passenden Gefühle bei Elia. Er hilft ihm zu sehen, was schiefgelaufen ist und welche gute Entscheidung er jetzt treffen kann: „Aber der Herr sprach zu ihm: Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus und geh hinein und salbe Hasaël zum König über Aram und Jehu, den Sohn Nimschis, zum König über Israel und Elisa, den Sohn Schafats, von Abel-Mehola zum Propheten an deiner statt. Und es soll geschehen: Wer dem Schwert Hasaëls entrinnt, den soll Jehu töten, und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den soll Elisa töten. Und ich will übrig lassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und jeden Mund, der ihn nicht geküsst hat.“ (V. 15-18)
Gott setzt Fakten gegen die gefühlte Realität Elias: Du bist nicht allein und mit dir stirbt die Anbetung Gottes nicht aus. Du hast einen Auftrag und den wirst du bitte auch weiterhin ausführen. Gott hat einen Plan und er wird sein Ziel erreichen.
Das ist auch eine Botschaft an mich, auch wenn 2025 mein Ziel mit Forum Wiedenest in Bezug auf die Finanzen nicht erreicht wurde: Wir haben einen Auftrag, den wir auch weiter ausführen werden. Wenn wir weniger Mittel haben, arbeiten wir mit weniger, aber wir tun, was uns möglich ist. Wenn wir unser Ziel nicht erreicht haben, erreicht aber Gott seine Ziele. Schließlich: Es hängt nicht alles an uns bei Forum Wiedenest – mit uns sind so viele weitere Kinder Gottes unterwegs, um das Evangelium bekannt zu machen, Segen zu sein, Gemeinde zu bauen. Es ist Gnade, wenn Gott auch uns gebraucht, aber wir sind nicht seine einzige Option.
Wenn du dich persönlich wirklich einsam und verlassen fühlst, dann vielleicht, weil du dich durch einen ungesunden Lebensstil da hinein manövrierst hast. Vielleicht, weil du Beziehungen vernachlässigt und Menschen schlecht behandelt hast.
Vielleicht gibt es aber auch tatsächlich eine körperlich Ursache oder weil wir im Winter zu wenig Sonnenlicht haben. Gefühle können Tausende von Gründen haben.
Emotionen sind kein realer Indikator, der Gottes Nähe oder Ferne anzeigt. Sie sind aber ein guter Grund, in Gottes Nähe zu kommen, mit ihm über unsere Gefühle zu reden und ihm die Möglichkeit einzuräumen, durch sein Wort oder auf viele andere Weise zu uns zu sprechen.
1) www.cicero.de/kultur/serie-gewalt-macht-schule-teil-3, 23.2.2026

