Schneller, höher, weiter. Immer mehr immer besser machen. Arbeitsstress. Freizeitstress. Gemeindestress. Beziehungsstress. Pause. Ruhe. Erholung. Ankommen. Auftanken. Sabbat. Uli Neuenhausen schreibt über die Einladung Gottes zur Begegnung.
Ruhe, Erholung, Aufatmen und Kräfte sammeln – das gehört zu den grundlegendsten Ideen Gottes. Das fasziniert mich immer wieder neu.
Trotz der vielen unterschiedlichen Kulturen hat sich die Grundidee von einem Ruhetag in allen Ländern weltweit durchgesetzt. Versuche, ohne den Sabbat – diesen siebten Tag – zu leben oder den Rhythmus an Tagen selbst zu verändern, sind gescheitert. Das macht deutlich: Es ist nicht nur ein Gebot Gottes, den Sabbat zu halten – es ist Gottes eigener Rhythmus:
„… in sechs Tage hat der HERR den Himmel und die Erde gemacht, am siebten Tag aber hat er geruht und Atem geschöpft.“ Exodus 31,17
Gott schöpft Atem, Gott atmet auf. Das klingt so unfassbar menschlich – weil wir als Menschen in Gottes Bild geschaffen sind. Wir spiegeln sein Wesen wider – im Arbeiten und Schaffen wie auch im Ruhen und Aufatmen.
Sich auf Gottes Rhythmus einlassen
Gott begegnen – das bedeutet, mich auf Gottes Rhythmus einzulassen.
Ich mache gerne gemeinsam mit meiner Frau Anke Sport– wir schwimmen, wandern, fahren Fahrrad. Es sind schöne Gelegenheiten, miteinander Zeit zu verbringen und ins Gespräch zu kommen.
Als junger Ehemann ging es mir oft nicht schnell genug. Beim Fahrradfahren versuchte ich, Anke zu höherem Tempo zu reizen, indem ich zum Beispiel ein Stück vorausfuhr. Sie hat allerdings gute Nerven und eine tiefe innere Gelassenheit. Auch wenn ich schon 500 Meter weiter war, blieb sie bei ihrem Tempo – und hatte auch die Muße, anzuhalten und Blumen am Straßenrand zu bewundern. Es hat mich einiges gekostet, den Rhythmus und das Tempo von Anke zu akzeptieren und bei gemeinsamen Touren bei ihr zu bleiben, anstatt ständig Tempo zu geben.
Heute, Jahrzehnte später, hat sich unser Tempo angeglichen. Ich habe mich auf Ankes Rhythmus eingestellt und genieße unsere gemeinsamen Sportaktionen. Manchmal verbunden mit tiefem Gespräch, manchmal auch einfach nur still nebeneinander unterwegs, Hand in Hand. Ich freue mich über ihre Schilderungen der Beobachtungen am Straßenrand, der Schönheit von Blumen und deren Namen und Eigenschaften. Ich freue mich mit ihrer Freude. Wenn ich mal schnelles Tempo und körperliche Verausgabung brauche, dann ziehe ich eben allein los.
Gott hat einen Rhythmus und ein Tempo. Wenn wir ihm begegnen wollen, können wir nicht einfach hohes Tempo machen, uns verausgaben, vorauseilen. Wir müssen sein Tempo lernen. Sonst sind wir meilenweit entfernt und wundern uns, dass Gott in unserem hektischen All- und Sonntag unsere Herzen nicht erreicht.
In Gott begegnen – Teil 2 hatten wir Elia betrachtet, seine Begegnung mit Gott am Horeb nach tiefer Erschöpfung und Depression. Gott veranstaltet für Elia ein gewaltiges Schauspiel mit Wind, Erdbeben und Feuer, um ihm zu helfen, sein eigentliches Problem zu verstehen:
„… Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?“ (1 Könige 19,11-13)
Elia hatte eine unfassbar aufregende und erfolgreiche Zeit hinter sich: Auf dem Karmel fiel nach seinem Gebet Feuer auf sein Opfer und verbrannte es. Die Baalspriester wurden besiegt und beseitigt. Damit war der Plan der Königin Isebel zerschlagen, den Gottesglauben in Israel zu vernichten. Danach betete Elia um Regen (nach dreieinhalb Jahren Trockenheit) – und es kam Sturzregen. Anschließend rannte er im strömenden Regen die fast 30 Kilometer in seine Heimatstadt, schneller als die Kutsche des Königs.
Nach all den sich überschlagenden Ereignissen, unfassbaren Erfolgen und eindrucksvollen Beweisen von Gottes Kraft (1 Könige 18,46) zeigt sich Gott nun Elia in einem unauffälligen, unspektakulären, leichten und unhörbaren Windhauch: in einem „stillen, sanften Sausen“. Es ist wie eine sehr leichte Berührung Gottes auf Elias Haut: eine ganz leichte Brise, nicht genug, um ein Segel zu blähen und Tempo zu machen. Nicht genug, um eine Fahne flattern zu lassen oder ein Windrad in Gang zu halten. Genug aber, dass Elia es spürt und sein Gesicht verhüllt: ein Zeichen tiefen Respekts vor Gott, den er nicht wagt anzublicken.
Gott begegnen bedeutet, Gottes Tempo zu finden
Wir leben in einer reizüberfluteten Welt. Heerscharen von Psychologen und Medienspezialisten sind mit nichts anderem beschäftigt, als unsere Aufmerksamkeit von den einfachen Dingen des Alltags auf ihre Posts, Websites, Clips und Spiele zu locken. Jedes Mittel ist recht, uns in einen Strudel von ständig neuen Bildern und Gedanken zu ziehen. Wir ertrinken förmlich in diesem Strudel und kommen höchstens zur Ruhe, wenn wir schlafen – falls wir überhaupt noch gut schlafen können.
Wie an einem Strick durchs Leben geschleift, finden wir kaum Zeit, in Ruhe nachzudenken oder über unser Leben zu reflektieren. Beziehung zu Gott? Aus dem Augenwinkel nehmen wir wahr, dass da etwas ist, worüber sich das Nachdenken lohnen würde: ein Bibelvers vielleicht; ein Gedanke, der mich auf eine neue Spur bringen könnte; Menschen, denen ich gerne zuhören oder etwas erzählen würde. Aber es schleift mich weiter und ich schaffe es nicht, aus dem Strudel von Social Media, Clips, Ereignissen, Impulsen, Reizen und Programmen auszusteigen.
Wie eine Axt fährt das Sabbatgebot auf diesen Strick und zertrennt ihn. Ein Tag von sieben, an dem ich nichts schaffe, nichts verdiene, nichts erreiche, nichts plane, nichts gestalte, nichts leiste, nichts erwarte ...
Ich lese gerade das sehr inspirierende Buch „Warum Ruhe unsere Rettung ist“ von Tomas Sjödin[1]. Darin berichtet er, dass strenge Juden am Sabbat noch nicht mal für andere oder sich selbst beten – sie beschränken sich im Gebet auf Lob und Dank. Unser Sabbat könnte so sein: Ein Tag ohne Ziele, Meilensteine, Benchmarks, Level, Noten etc. Ein Tag ohne Dauerbeschallung, Posts, Binge-Watching, Freizeitstress, Marathon-Gespräche und Lernziele. Ein Tag ohne Handy, Laptop, Aktienkurse, Webinare, Lernvideos, Meetings, Zoom-Konferenzen etc.
Der Sabbat durchtrennt den Strick, der mich bis zur Besinnungslosigkeit durchs Leben schleift. Der Sabbat und jede Zeit der echten Ruhe eröffnet den Raum, zu Gott und damit auch zu mir selbst zu finden. Der Sabbat öffnet die Möglichkeit, dass Gott zu meinem Herzen sprechen kann.
Gott begegnen braucht Mut zur Ruhe
In unserer Zeit ist das auch ein Glaubensschritt: Eintauchen in Stille, mit sich und Gott allein sein, ohne störende Meldungen, Nachrichten, Bilder, Pläne, Reize aller Art. Selbst unsere Gottesdienste geben oft diesen Raum zur Ruhe nicht her. Auch hier scheint der Ablauf unter den unwiderstehlichen Zwang zum Dauerprogramm geknechtet zu sein.
In Gott begegnen – Teil 1 ging es um Vertrauen als Grundlage der Gottesbegegnung – Vertrauen darauf, dass Gott in Jesus Christus mit und für uns ist, egal wie sich das Leben gerade anfühlt. Dieses Vertrauen entsteht und wächst aber nicht dort, wo es hektisch ist, der Alltag an uns zerrt und wir nervös von einem Termin zum anderen, von einem Event zum nächsten eilen.
Es gibt Phasen im Leben, wo Ruhe und Stille fast unerreichbar sind. Ich denke an junge Familien mit Kindern oder stressige und druckvolle Arbeitsplätze, Pflege der alt gewordenen Eltern oder Hausbau. Gott weiß, dass das Leben nicht gleichmäßig verläuft. Da kann die Anforderung, Zeit für die Begegnung mit Gott zu haben, noch zusätzlichen Stress auslösen. Es geht mir nicht um Druck, „Stille Zeit“ machen zu müssen. Keine Mutter muss sich verrückt machen, weil Stille in ihrem Alltag nicht funktioniert oder jede Pause dazu führt, dass sie sofort einschläft.
Es geht mir um die Zeiten, wo wir Ruhe und Zeit mit Gott haben könnten, aber stattdessen neuen Stress suchen. Der Druck der Alltagstermine schwappt dann in den Ruhetag: Doch noch ein paar E-Mails beantworten, aufgeschobene Besuche machen, die Wohnung aufräumen, und zwischendurch die eigene Unruhe mit allerlei Ablenkung füllen.
Mich selbst trieb früher oft die Angst, etwas zu verpassen („Fear of missing out“ – FOMO). Selbst meine freie Zeit füllte ich am liebsten mit Programm, Besuchen, Unterwegssein etc.
Mittlerweile verstehe ich besser, dass ich in Wirklichkeit etwas verpasse, wenn ich nicht zur Ruhe komme. Deshalb gibt es sonntags keine Meetings, ich bearbeite keine E-Mails, ich lerne nicht Hebräisch oder was immer, ich putze nicht die Wohnung. Sonntags – oder wann immer der Sabbat möglich ist – ist Zeit für Entspannung, schöne und wohltuende Begegnungen, Bewegung an der frischen Luft. Für mich ist beispielsweise Wandern die beste Chance, runterzukommen und ins Gespräch mit Gott einzusteigen, meine Gefühle und Ängste wahrzunehmen und herauszufinden, warum es mir so geht.
Elias Angst verschaffte sich Raum, sobald seine Pläne nicht mehr aufgingen. Für die Bearbeitung dieser Ängste und das Wachsen von Vertrauen halfen nicht die fantastischen Wunder, die Elia erlebte. Für die Bewältigung seiner Angst brauchte er Ruhe, weit weg vom Trubel, der Politik und den Kämpfen in seiner Heimat Israel.
Gott lädt uns ein
Gott ruhte am siebten Tag und atmete auf. Er lädt uns ein, neben ihm Platz zu nehmen, still zu werden, ruhig Luft zu holen und einen Tag ohne Plan mit ihm zu verbringen. Wie vermessen ist zuweilen mein Herz, wenn es meint, es könne mit weniger Ruhe als Gott selbst auskommen.
Wir sind nach dem Bilde Gottes geschaffen, mit einem tiefen Bedürfnis nach Arbeit und Ruhe, nach Wachen und Schlafen, nach Trubel und Stille. Wo wir der Ruhe Raum lassen, spiegeln wir etwas vom Wesen Gottes wider.
Auch das ist eine Art, ein Zeuge für Gott zu sein: Gottes Wesen und Freundlichkeit in der Ruhe, Entspannung und Besinnung zeigen. In einer Ruhe, die nicht erst einen Urlaub oder regelmäßig Alkohol braucht, um den Sturm der Gedanken in unserem Kopf zu stillen.
Wer entdeckt, dass er sich mit Zerstreuung und einem Zuviel-von-Allem aus seinem Leben und von seinen komplizierten und belastenden Gefühlen ablenkt, der braucht dringend eine Vollbremsung. Wer unermüdlich aktiv ist, um sich dann hoffentlich im nächsten Urlaub zu erholen, braucht dringend eine Vollbremsung. Der Sabbat ist eine Einladung Gottes in diese Vollbremsung. Gott lädt dich ein: Reduziere dein Tempo, komm runter auf das Tempo Gottes und gib ihm die Chance zur Begegnung mit dir.
1) Tomas Sjödin, Warum Ruhe unsere Rettung ist, 2024 Verlag R. Brockhaus

